Lenin und die Bauern – Lektürebericht zu einer unbekannten Revolution

VORTRAG ALS PDF

Ein Vortrag von Ulrich Knaudt auf dem Arbeitstreffen der communist correspondence bloggers am 08.08.2017 in Frankfurt

Dieser Bericht über zwei Bücher zweier Autoren, die am Aufstand der Machno-Bewegung 1918-1921 in der Ukraine aktiv teilgenommen haben, beansprucht nicht, eine historische Analyse der Machnowstschina zu sein; die Beschäftigung mit diesen Texten soll vielmehr zur Klärung der theoretischen Frage beitragen, ob nicht gewisse, und wenn ja, welche Gemeinsamkeiten zwischen den von Marx in den Sassulitsch-Briefen angestellten Überlegungen zum Kommunismus der russischen Dorfgemeinde (commune rurale) und dem Bauernkrieg in der südlichen Ukraine bestehen, ob sich darin eine konkrete Bestätigung für diese finden läßt und ob schließlich die aufständische Machno-Bewegung den Marxschen Überlegungen sehr viel eher entspricht als die Wiederkehr des ‚nur leicht mit Sowjetöl gesalbten‘ sozialistischen Zarentums der Bolschewiki. Diese Frage soll anhand des (zweifellos anarchistisch geprägten) Kommunismus der Machnowstschina anhand der beiden Texten untersucht werden.

In einer Gesellschaft, die zu 80-90% aus Bauern bestand, mußte der Anarchismus eine andere Rolle spielen als in den westlichen Industrieländern, wo der Aufbau der revolutionäre Arbeiterbewegung von den Bakunisten systematisch sabotiert wurde. In Gestalt der Machno-Bewegung ist die soziale Revolution (so auch die Rückkehr einzelner landloser Bauern zu den früheren Produktionsformen der bereits kapitalistisch zersetzten commune rurale) mit dem Widerstand der einfachen bäuerlichen Bevölkerung gegen die fremden Besatzungsmächte, gegen die Regierung der Gutsbesitzer und die ‚weiße‘ Konterrevolution, sowie die soziale Emanzipation mit dem Kampf für die nationale Unabhängigkeit untrennbar miteinander verbunden. Letzteres ist zwar eine dem Anarchismus fremde Vorstellung, weil Staat, Parteien, und Politik von ihm grundsätzlich abgelehnt werden. Aber diese Lücke im Programm der Anarchisten hätte von den Bolschewiki problemlos gefüllt werden können, wenn ihr marxistisches Programm noch etwas, und nicht nur den Namen, mit dem Marxschen Kommunismus gemein gehabt und die Machnowstschina von ihnen nicht nur als zeitweise Verbündete gegen die ‚Weißen‘, sondern als Revolutionäre Bewegung im gemeinsamen Kampf für den Kommunismus (in der künftigen Union sozialistischer Sowjetrepubliken) akzeptiert worden wäre. Wobei der Kommunismus in der Ukraine etwas anders hätte aussehen müssen als in dem mit westlichem Kapital ‚von oben‘ stärker industrialisierten Rußland. Stattdessen wurden die Machnowstschina und die Kronstädter Kommune von Lenin, Trotzki (und Stalin) unter Aufbietung aller Kräfte mit brutaler Gewalt niedergemetzelt und liquidiert.

Wer sich mit der relativ unbekannt gebliebenen Revolution der Machno-Bewegung, wie sie in den beiden Büchern von Volin und Arschinoff eindrucksvoll beschrieben wird, ohne nähere Vorkenntnisse und relativ unbefangen zu beschäftigen beginnt, wird vielleicht nicht weniger erstaunt und erschreckt sein über die Leichtigkeit, mit der hier das moralische Prestige der Oktoberrevolution schon frühzeitig und ziemlich leichtfertig verschleudert wird. Während aber in Kronstadt die einstigen Helden des Roten Oktober nicht gänzlich unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit und zum Entsetzen ihrer proletarischen Revolutionäre hingeschlachtet wurden, gilt der Aufstand der Machno-Bewegung in der leninistischen Geschichtsschreibung eher als Randerscheinung im sog. ‚Bürgerkrieg‘ zwischen den ‚Roten‘ und den ‚Weißen‘ – so er überhaupt, und wenn, dann als ‚Banditentum‘, ‚Hooliganismus‘ u.ä.m., darin Erwähnung findet.

Wer war dieser Machno, der diesem Bauernkrieg wie einst ein Razin oder Pugatschow seinen Namen gab? Er eignet er sich als Sohn einer armen Landarbeiterfamilie, der sich ohne ausreichende Schulbildung, die er abbrechen muß, um die Familie zu ernähren, im Selbststudium den Anarchismus und den Marxismus im Gefängnis an und bildet seiner sozialen Stellung nach eine ideale Führungsgestalt jener Landarmut, die Lenin in einem frühen Aufsatz als engsten Bündnispartner des revolutionären Proletariats in der bäuerlichen Bevölkerung Rußlands ausgemacht hatte. Und es ist schon mehr als ein Rätsel, warum die Bolschewiki die Machnowzy zwar gerne in der Rolle des militärischen ‚Ausputzers‘ gegen den Vormarsch der ‚Weißen‘ auf Moskau in Anspruch nehmen, aber nicht bereit sind, mit ihrem militärischen Bündnispartner trotz unterschiedlicher Ansichten über den Kommunismus, ein politisches Bündnis einzugehen und warum sie am Ende auch das militärische Bündnis schmählich verraten haben. Spätestens seit dem von Swerdlow Anfang 1918 arrangierten Gespräch mit Machno, mußte Lenin daher über den Bauernkrieg in der Ukraine und die Rolle Machnos darin im Bilde sein.

Nirgendwo tritt daher die Differenz zwischen Lenin und Marx in der Einschätzung der Russischen Dorfgemeinde deutlicher zutage als in Lenins Fehleinschätzung dieses Bauernkriegs als Konterrevolution. Auch wenn sich in Die unbekannte Revolution der Volinsche Kommunismus in der Anbetung der Spontaneität der Massenbewegung erschöpft und dieser nicht über Liberté, Égalité, Fraternité hinausgelangt, ist die Befreiung der Ukraine, (die bis dahin eine Kolonie der russischen Zarentums war), von ihren fremden Eroberern (dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Polen), einzig und allein im Zusammenspiel mit der Befreiung der Bauern von den sie bis aufs Blut aussaugenden und sich den ausländischen Mächten unterworfen habenden Großgrundbesitzern und der Kompradorenbourgeoisie zu verwirklichen. Und eben darin bewegt sich die Machnowstschina durch ihren Versuch einer Rückkehr zur commune rurale einen entscheidenden Schritt über die im Westen übliche bürgerliche Revolution hinaus: nur jetzt in ihrer modernen Gestalt der von landlosen Bauern und Landarbeitern gegründeten dörflichen Kommune, deren Fortbestand ausschließlich davon abhängt, ob ihr die Machnowzy die ‚rote‘ und die ‚weiße‘ Konterrevolution vom Hals halten können. Der politische Bruch, den die Bolschewiki mit den revolutionären Bauern der Ukraine und den aufständischen Arbeitern, Matrosen, Rotgardisten u.a. in Kronstadt vollziehen, zeigt, daß die vom Anarchismus inspirierte Kommune dem von Marx in der commune rurale entdeckten und von der Commune von Paris praktizierten Kommunismus sehr viel näher steht als der von der KPR – später KPdSU(B) – gegenüber ihren legendären ‚Arbeitern und Bauern‘ Rußlands praktizierte ‚Kommunismus‘.

Aber gleichzeitig bleibt das Verhältnis des Machnowschen Kommunismus zur Diktatur des Proletariats ungeklärt. Für Lenin stand an der Pariser Commune im Vordergrund, daß es den Pariser Arbeitern gelungen war, zum ersten Mal in der Geschichte den bürgerlichen Staat zu stürzen. Darin besteht für ihn auch die entscheidende Differenz der Bolschewiki zur Zweiten Internationale. Dagegen war für ihn weniger bedeutsam, wie sich Marx den ‚Staatsaufbau‘ der Diktatur des Proletariats, also das Funktionieren der Commune über Paris hinaus im einzelnen vorstellt. Diese Differenz zeigt sich besonders kraß an dem (von Volin beschriebenen) Beispiel der geplanten Übernahme einer von den Kapitalisten verlassenen Petroleumfabrik, die die Arbeiter als Fabrikkooperative übernehmen wollen, und an der negativen Reaktion der Sowjetregierung auf diesen Vorschlag, was darauf hindeutet, daß die Bolschewiki mit dem Problem, verschiedene kollektive Eigentumsformen unter der Diktatur der Proletariats unter einen Hut zu bringen, nicht fertig wurden. Wenn also, wie Marx im Dritten Band des Kapital zeigt, die Fabrikkooperation der Arbeiter sogar unter der Voraussetzung der noch bestehenden kapitalistischen Produktionsweise rein theoretisch realisierbar ist, um wieviel eher hätte diese unter der Sowjetmacht praktiziert werden können! Aber da die Bolschewiki einzig und allein und völlig einseitig am staatskapitalistischen Großbetrieb als idealer Produktionsform festhalten, unter dessen vorherrschendes Muster alle anderen Produktionsformen, einschließlich der Industrialisierung der Landwirtschaft, zu subsumieren waren, konnten die Arbeiter in den kapitalistischen Staatsbetrieben, nicht einmal mehr, wie etwa die Arbeiteropposition forderte, eine unabhängige Gewerkschaft gründen oder wie sich am Beispiel der Arbeiter von Nobel zeigt, einen mittleren Betrieb als Kooperativfabrik übernehmen.

Von Volin wird, wahrscheinlich zu Recht, den Aufständischen von Kronstadt der Vorwurf gemacht, daß sie ihr eigenes Verhältnis zur ‚Sowjetmacht‘ allzu naiv und viel zu optimistisch eingeschätzt hätten. Da der Anarchismus ein negatives Verhältnis gegenüber jedem Staat, also auch zur Diktatur des Proletariats hat, sind Arschinoff und Volin auch der Ansicht, daß die Koordination der Beziehungen zwischen den landwirtschaftlichen und den industriellen unmittelbaren Produzenten der spontanen Entwicklung überlassen bleiben kann, die auf Kongressen und Versammlungen nach Bedarf zu regeln ist. Marx ist dagegen der Ansicht, daß es unter dem französischen Zentralismus, wo jedes Provinzstädtchen nach den Vorschriften von Paris zu funktionieren hatte, es ein Leichtes gewesen wäre, das Musterbeispiel der Pariser Commune Schritt für Schritt auf die größeren und kleineren Gemeinden zu übertragen, die im Zusammenspiel mit der Zentrale relativ eigenständig gearbeitet hätten, während die Zentrale in dem Maße, wie sich die Autonomie der Kommunen entfaltete, auf ein funktionales Steuerungsinstrument der Wechselbeziehungen zwischen den Kommunen reduziert worden wäre. Ob diese Vorstellung von der Diktatur des Proletariats ohne größere Friktionen realisierbar war, ist die eine Frage; die andere aber, ob die Diktatur des Proletariats in Sowjetrußland nicht im Prinzip nach einem ähnlichen Schema hätte entwickelt werden müssen. In diesem Fall aber, nicht wie in Frankreich, zwischen der Pariser Commune und den (klein)städtischen communes, sondern zwischen der commune rurale, den Fabrikkooperationen und den staatskapitalistischen Großbetrieben unter einer sich immer stärker funktional und immer weniger politisch verstehenden und die verschiedenen Produktionsformen koordinierenden Zentrale. Das wäre die Diktatur des Proletariats in Rußland gewesen also wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse und der sich relativ selbst regierenden commune rurale.

Kategorien:Allgemein

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