Red Famine in (der) Ukraine und Die Klassenkämpfe in der UdSSR

VORTRAG ALS PDF MIT FUSSNOTEN
VORTRAG ALS PDF MIT ENDNOTEN

Anlaß für diesen Vortrag war das Erscheinen zweier Bücher: Anne Applebaum: Red Famine in Ukraine, über den von der Sowjetmacht bewußt herbeigeführten Hungertod der ukrainischen Bauern (holodomor) Anfang der 30er Jahre und Charles Bettelheim: Die Klassenkämpfe in der UdSSR, die Bände III und IV erstmalig in deutscher Übersetzung. Im ersten Teil des Vortrags wird der Diskussionsstand über das Verhältnis von Marx und Engels zum zaristischen Rußland und zur russischen Dorfgemeinde (commune rurale) zusammengefaßt; der zweite Teil enthält einige Bemerkungen zur theoretischen Diskussion über die Nationale Frage und die Bauernfrage und das Verhältnis zueinander bei Stalin und Marx. Der Vortragstext wurde nachträglich mit ausführlichen Fuß- bzw. Endnoten versehen.

Anläßlich der Jubelfeiern zu seinem 200. Geburtstag wurde Marx als der großartige Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise (der zweifellos auch war) in den Himmel gehoben, während der Parteigänger des Kommunismus, der, ohne eine Kommunistische Partei zu gründen, gemeinsam mit seinem Freund und Sponsor Friedrich Engels und einem Kreis von Gleichgesinnten ‚unsere Partei‘ war, (die ‚Partei Marx‘) tunlichst unterschlagen und die Parteinahme der beiden Freunde gegenüber dem russischen Zarentum trotz (oder wegen) ihrer heutigen politischen Aktualität peinlichst unter der Decke gehalten wird. Das Programm der ‚Partei Marx‘ besteht, beginnend mit dem Manifest der Kommunistischen Partei (1848), aus den Analysen der Klassenkämpfe in Europa und Amerika und den Ergebnissen der theoretischen Zuarbeit für die 1864 in London gegründete International Workmen‘s Association, sowie, was in den Huldigungen an den genialen ökonomischen Theoretiker keine Erwähnung findet, in ihrem jahrzehntelangen publizistischen Kampf gegen den vom Bollwerk der europäischen Konterrevolution ausgehenden wachsenden Einfluß des Russischen Zarentums auf die politischen Verhältnisse in Europa und die europäisch-amerikanische Arbeiterbewegung, dessen vorläufigen Höhepunkt die Niederschlagung der Revolution in Ungarn durch die zaristische Armee (1849) bildete und sich in der Maulwufsarbeit zaristischer Einflußagenten in der europäischen Arbeiterbewegung fortsetzte. Die davon ausgehende Gefahr beruhte nach Marx und Engels darauf, daß es dem Zarentum gelang, die nach 1848 das übrige Europa erfassende kapitalistische Entwicklung innerhalb der eigenen Festungsmauern zu ersticken und die Konterrevolution als offensive Verteidigung in den ‚Westen‘ zu exportieren. Der von der ‚Partei Marx‘ erhoffte Zusammenstoß der europäischen Bourgeoisien auf den Spuren des Großen Napoleon mit Rußland fand jedoch lediglich als Scheinkrieg Englands und Frankreichs gegen den Zaren auf der Krim (1854-1856) statt, der mit einem faulen Frieden beendet wurde und für absehbare Zeit die friedliche Koexistenz der europäischen Großmächte mit dem russischen Zarentum zementierte. Der ‚Partei Marx‘ erschien schließlich gegen dieses Bollwerk der Konterrevolution als einzige Rettung vor ihrem schädlichen Einfluß auf die europäische Arbeiterbewegung die Revolution in Rußland selbst, die sich im individuellen Terror der Volkstümler (Narodniki) ankündigte und nach traditioneller Vorstellung früher oder später zur Entstehung einer revolutionären Arbeiterbewegung hätte führen müssen. Das Problem war nur, daß wegen der äußerst geschickt arrangierten Reformen Alexanders II. (1861) die bisher marginale Entwicklung des Kapitalismus in Rußland gewissermaßen eingefroren worden war, damit die Masse der Bauern den Gutsherren weiterhin als Arbeitskräfte zur Verfügung standen, während sie (in Erwartung der nach Abtragung des Kaufpreises nach 50 Jahren in Erfüllung gehenden Hoffnung auf ein eigenes Stück Land) zwischen ihrem Angebundensein an die obščina und ihrer saisonbedingten industriellen Arbeiterexistenz hin- und herpendeln mußten. Bei der Untersuchung der sozialen Verhältnisse in Rußland hatte Marx darüber hinaus entdeckt, daß die Reproduktion der russischen Dorfgemeinde immer noch in Produktionsformen stattfand, die sich als historisch isolierte Überbleibsel des archaischen Kommunismus konserviert hatten, die, wenn sich diese reaktivieren und modernisieren ließen, zum Ausgangspunkt einer mit der westlichen Arbeiterbewegung sich wechselseitig ergänzenden kommunistischen Entwicklung in Europa hätte werden können. Auf den bäuerlichen Kommunismus hatten bereits Alexander Herzen und nach ihm die Narodniki spekuliert, allerdings ohne der von Marx und Engels hervorgehobenen Verbindung der commune rurale mit der europäischen Arbeiterbewegung größere Beachtung zu schenken. (Alexander Herzen schon allein deshalb nicht, weil er sich auf den Barrikaden der Juli-Revolution in Paris (1848) bereits von der europäischen Arbeiterklasse verabschiedet hatte.) Auch von der russischen Sozialdemokratie wurden derartige Überlegungen Anfang des 20. Jahrhunderts verworfen; nun allerdings, weil sie, mit Lenin an der Spitze, davon ausging, daß sich die kapitalistische Entwicklung in Rußland grundsätzlich nicht mehr von derjenigen im übrigen Europa unterschied und daher auch die russischen Arbeiterklasse die revolutionäre Führung übernehmen werde. Daß sie dabei unbeabsichtigt an der Politik der Narodniki anknüpften, deren linker Flügel bereits vor ihnen die Arbeiter zu agitieren begonnen hatte (wofür Plechanow das beste Beispiel ist, der sich von den Narodniki ab- und der sich zunehmend verbürgerlichenden westlichen Sozialdemokratie zugewandt hatte), wurde tunlichst übersehen. Gleichzeitig hatte der den (rechten) Volkstümlern nahestehende Übersetzer des Kapital, Danielson, im Verlauf seiner Korrespondenz mit Engels die enttäuschende Erfahrung gemacht, daß die Behandlung der russischen Verhältnisse nicht in den Bänden II und III des Kapital Eingang gefunden hatte. Damit schien die commune rurale (wie Marx die russische Dorfgemeinde in seinen für Vera Sassulitsch bestimmten Briefentwürfen bezeichnet) theoretisch auf ziemlich schwachen Fußen zu stehen, was Marx dazu veranlaßt haben mag, sich auf das Studium der Produktionsformen des archaischen Kommunismus zu werfen (was zu Engels‘ Leidwesen den Abschluß der beiden weiteren geplanten Bände des Kapital torpedierte), und was schließlich Engels gegenüber Danielson feststellen ließ, daß der bereits durch den Kapitalismus stark unterminierte bäuerliche Kommunismus nur noch im Zusammenhang mit einer allgemeinen revolutionären Erhebung in Rußland zu neuem Leben erweckt werden könne. Womit Engels durchaus richtig lag. Denn kaum war der Zar im Februar 1917 gestürzt, holten sich die Mitglieder der Dorfgemeinde das von den Gutsbesitzern privatisierte Land zurück. Aber anstatt nun den revolutionären Elan der Bauern mit demjenigen der revolutionären Arbeiter zu verknüpften, wurden jene von der Regierung in Petrograd mit papiernen Resolutionen abgespeist, womit die Bolschewiki ihre politisch fatale Entscheidung kaschierten, daß sie den imperialen Staatsapparat, anstatt ihn bis auf die Grundmauern niederzureißen, ‚nur leicht mit Sowjetöl gesalbt‘ (Lenin) übernommen hatten und ihn gegen die Weiße Konterrevolution mit allem was dazu gehörte, verteidigen mußten, einschließlich der durch die neuen Sowjet-Behörden bei der Masse der Bauern gewaltsam vorgenommenen Maßnahmen zur Requisition des Getreides, um die Städte zu versorgen. Mit den bekannten verheerenden Folgen! Hinzu kam das theoretische Problem, daß Lenin in seiner Auffassung von der Diktatur des Proletariats die enge Verwandtschaft der Pariser Commune mit der russischen commune rurale, wie sie sich im Vorwort zur russischen Ausgabe des Manifests von 1882 nachlesen läßt, nicht nachvollziehen konnte und wollte. Was von der obščina noch als revolutionäres Moment übrig geblieben war, bestand in der landlosen Dorfarmut, die sich, soweit sie überhaupt mit der Proletarischen Revolution sympathisierte, dort Bündnispartner der revolutionären Arbeiterklasse werden sollte. Statt mit der commune rurale sollte die russische Arbeiterklasse mit dem sozialistischen Staatsapparat eine (in der Folgezeit tödliche) Verbindung eingehen, ohne daß die unmittelbaren Produzenten in den Industriezentren und in den Dörfern politisch an ihm beteiligt waren. Das Ergebnis war die Hungersnot des Jahres 1921, die Lenin dazu veranlaßte, die von ihm befohlene Ausplünderung der Bauern (den sog. Kriegskommunismus) zu beenden und zur Freude des Dorf-Reichen und städtischen Hamster-Spezialisten (den sog. ‚Sack-Leuten‘) den freien Warenverkehr zwischen Stadt und Land zuzulassen. Fazit: In den beiden genannten Büchern werden mit unterschiedlichen Schwerpunkten die Lage der Arbeiterklasse in der Sowjetunion und die Vernichtung der ukrainischen Bauern als Klasse durch den sich 1934 gegen die Leninisten bonapartistisch an die Alleinherrschaft putschenden Nachfolger Lenins analysiert.

Unter II Bemerkungen… wird die Stalinsche Politik theoretisch unter die Lupe genommen und mit einer Passage aus den Marxschen Sassulitsch-Briefentwürfen verglichen. Für (die) Ukraine folgte daraus der ‚Klassenmord‘ des Sowjetstaats an der bäuerlichen Bevölkerung durch den gewaltsam herbeigeführten Nahrungsmittelentzug – und zwar an jenem Teil des ukrainischen Dorfes, der nicht bereit war, zwangsweise Stalins Kolchosen beizutreten –; für die sowjetische Arbeiterklasse bedeutete diese Politik ihre Zurückversetzung in das Manchester der Mitte des 19. Jahrhunderts, die unter Anwendung einer Kombination aus Arbeitsrecht plus Strafrecht, die mit Gulag oder Genickschuß bewehrt waren, ihre maximale Ausbeutung erfuhr.

In seinem Aufsatz Marxismus und nationale Frage aus dem Jahre 1913 macht Stalin die Lösung der Nationalen Frage von derjenige der Bauernfrage abhängig, womit er vordergründig mit einer Passage aus den Marxschen Sassulitsch-Briefentwürfen übereinstimmt (woraus sich, worauf der Titel seines Aufsatzes hinweist, seine Berufung auf den Marxismus herleitet). Tatsächlich unterscheiden sich die Marxschen und Stalinschen Überlegungen zur Lösung von Bauernfrage und Nationaler Frage voneinander wie Feuer und Wasser, woraus sich mit einer gewissen politischen Zwangsläufigkeit die Kennzeichnung der Stalinschen Politik als Neues (Rotes) Zarentum ergibt, das seine entscheidenden Anstöße von Lenin erhalten hat. Der Unterschied zwischen Lenin und seinem Nachfolger mag darin bestehen, daß die selbstkritische Reflektiertheit der Leninschen Ansichten durchaus glaubwürdig erscheint, während Stalins Selbstkritik politische Show ist, die darauf hinausläuft, das autokratische Regime des Neuen Zarentums zu forcieren und zu festigen. Ein klassisches Beispiel dafür ist Stalins Kritik am Ersten Fünfjahrplan (1928-1932), unter der Überschrift Vor Erfolgen vom Schwindel befallen. Im Grunde hat Stalin – das wäre auch die Quintessenz, die aus den beiden Büchern zu ziehen ist –, im ukrainischen Maßstab vollzogen, was Hitler im kontinentalen Maßstab in Bezug auf die gesamte Sowjetunion vorhatte: die vollständige Aushungerung nicht nur einer Bevölkerungsgruppe (wie unter Stalins Befehl die der ukrainischen Bauern), sondern der gesamten sowjetischen Bevölkerung bis an den Ural und deren Ersetzung durch deutsche neu-germanische Wehrbauern…

Mit Anne Applebaums Buch liegt eine in diesem Umfang an Quellen und Sekundärliteratur sehr gut ausgestattete bisher unübertroffene Zusammenfassung der Ereignisse vor, die zu dem Klassenmord an 2 Millionen ukrainischen Bauern geführt haben. Dahinter verblassen verschiedene Schlenker d.A. in Richtung Ukrainischer Nationalismus, die als die politische Eigenheit nationaler Bourgeoisien hinzunehmen sind, solange sich diese auf die Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der eigenen Nation beschränken, die aber notgedrungen (sozial)imperialistisch werden, sobald damit die Verletzung des Selbstbestimmungsrechts anderer Nationen einhergeht. Das zeigt sich am Beispiel der positiven Einschätzung der Politik der Rada und ihres Bündnisses mit Polen gegen Sowjetrußland, ohne daß von d.A. Piłsudskis großpolnischer Expansionismus beim Namen genannt wird. Da (die) heutige Ukraine zum Hauptangriffspunkt für den post-zaristischen Imperialismus Putin-Rußlands geworden ist, ist zwar der Feind (der) Ukraine auch der Feind der Völker Europas. Das darf aber nicht heißen, daß nationalistische Schlenker wie dieser kritiklos hinzunehmen sind.

Charles Bettelheims ausführliche Darstellung des Untergangs der revolutionären Arbeiterklasse des Roten Oktober krankt vor allem an der politischen Verharmlosung des bonapartistischen Putsches, den Stalin nach dem Kirow-Mord (oder besser: mit diesem als passendem Vorwand) und der dadurch ausgelösten Liquidierung der Leninisten, einschließlich wesentlicher Bestandteile Leninscher Politik, seit 1934 losgetreten hat. Bettelheims in ihrem Detailreichtum hervorragende und zum ersten Mal auf Deutsch zugängliche Geschichte der Lage der Arbeiterklasse in der Sowjetunion in den 30er Jahren bewegt sich politisch in den Grenzen der von Chruschtschow auf dem XX. Parteitag gesetzten Vorgaben der Kritik am ‚Stalinismus‘, was die Hauptschwächen dieses Buches ausmacht.

Gerade weil in der heutigen Marx-Rezeption das Verhältnis von Marx und Engels zum russischen Zarentum möglichst ausgeblendet wird, obwohl es zum politischen Kernbestand der ‚Partei Marx‘ gehört, schien es angebracht, einzelne Textauszüge ausführlicher als es akademischem Brauchtum entspricht zu zitieren. Weil bei Verwendung des pdf-Formats die Funktion der Links für Fuß- oder Endnoten außer Kraft gesetzt ist, können diese in diesem Format nur durch Scrollen erreicht werden. Daher werden dem Leser zwei Text-Versionen zur Verfügung stehen: mit den Fußnoten entweder innerhalb (Fußnoten) oder am Ende des Textes (Endnoten). Wer sich über diesen einen raschen Überblick verschaffen will, wird die Endnoten-Version wählen, um einzelne Fußnoten am Ende des Textes ausfindig zu machen. Wem es auf ein detailliertes Studium des Textes ankommt, wird eher die Version mit den integrierten Fußnoten wählen, die ihm erlaubt, auf kürzestem Wege zwischen Text und Fußnote hin und her zu scrollen.

Kategorien:Allgemein

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